Caivallon

Mein Weg zu mir selbst
Reise-Momente

Runter von der Überholspur

11. Mai 2017

Schon morgens nach dem Aufstehen geht’s los: Raus aus dem Bett, runter unter die Dusche und anziehen. Dann die Hunde versorgen, ggf. kurz frühstücken, das Essen zum Mitnehmen vorbereiten und ab zur Arbeit. Nur keine Sekunde verschenken!

Dort geht es  im gleichen, enggeplanten Takt weiter: die ersten Termine stehen an, andere Themen sind heute fällig und bedürfen noch einiges an Aufmerksamkeit. Und dann rauschen weitere Aufgaben in den eMail-Posteingang, die am Besten schon gestern erledigt sein sollten.

Während der Heimfahrt werden noch rasch die Einkäufe erledigt, um zu Hause dann gleich die Waschmaschine anzuwerfen. Anschließend wird das Essen angesetzt, ehe Dinge für Freunde / Bekannte / Verwandte (denen man die Bitte nicht abschlagen konnte) oder andere, aufgeschobene, jetzt zeitkritische Dinge zwischen Tür und Angel erledigt werden. Irgendwie werden dann noch zwischendurch die Vierbeiner ausgelüftet, während die Gedanken aber schon bei den nächsten, zu erledigenden Dingen verweilen. 
 Und schließlich fällt man spätabends völlig ausgelaugt und unzufrieden ins Bett, mit dem Gefühl, nichts von dem geschafft zu haben, was man eigentlich machen wollte.

Den ganzen Tag – vom morgendlichen Aufstehen bis zum abendlichen Schlafengehen – bin ich aktiv, ohne jedoch wirklich einen Fortschritt zu sehen.
Zeiten zum Entspannen oder Momente nur für mich gibt es fast gar nicht. Und wenn, bin ich zu müde, um sie genießen zu können.
Hobbies, die früher meine Freizeit ausfüllten, mir gute Laune und Wohlgefühl schenkten, sind völlig auf der Strecke geblieben. Ihren Platz haben Stress, Hektik, Unzufriedenheit und auch gesundheitliche Probleme eingenommen. Anstatt zu leben, zu denken und zu fühlen, reagiere ich nur noch auf die Einflüsse von außen.


Du musst nur langsam genug gehen,
um immer in der Sonne zu bleiben.
(Antoine de Saint-Exupéry in „Der kleine Prinz“)


Der kleine Prinz hat einen Tipp für mich: Verlasse die Überholspur und verlangsame deine Fahrt. Tausche den rasanten Rennwagen gegen einen gemütlichen Oldtimer. Nimm das Tempo aus deinem Leben raus und habe wieder Zeit für DICH selbst.

Ja, letztendlich geht es „nur“ darum, im Tagesablauf Inseln zu schaffen, in denen wir das tun können, wozu wir gerade Lust haben, und in denen wir Kraft für das Kommende schöpfen können – sei es ein spannendes Buch zu lesen, mit dem Partner ein gutes Restaurant zu besuchen, mit der Familie ein lustiges Spiel zu spielen, eine neue Sprache zu lernen, Sport zu treiben oder … oder … oder …

Das zu erkennen, ist aber eine Schwierigkeit für sich und ich habe dafür echt lange gebraucht (War das ein halbes Jahr? Oder ein ganzes Jahr? Oder gar noch länger?).
Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich mich mit Zusagen an Andere, terminliche Verpflichtungen, meinem Haushalt und meinen eigenen Wünschen schlichtweg überforderte.  Ich wollte überall dabei sein, bei allem mitmachen und jedem helfen, der mich um Unterstützung bat, aber auch zugleich die Tipps und Punkte, die andere bei mir ansprachen, so gut wie möglich umsetzen.

Und letztendlich blieb ich selbst völlig auf der Strecke.

Gemerkt habe ich es erst, als ich immer dann „Bauchschmerzen“ bekam, wenn es um das Thema Hundesport – mein wöchentliches Highlight – ging. Aus der Freude mit den Vierbeinern zu arbeiten, unsere Freunde zu treffen oder darüber zu fachsimpeln war eine quälende Pflichtveranstaltung geworden. Diskussionen darüber, warum ich was mache, lösten bei mir das bohrende Gefühl, mich für alles rechtfertigen zu müssen. Gut gemeinte Hinweise fühlten sich an wie schmerzhafte Vorwürfe.
Die Kraft, „Stopp! Ich mache das jetzt so, wie ich das will und für richtig halte!“ laut zu rufen und alles mit einem Schlag zu beenden, war wie weggespült. Stattdessen habe ich alles weiter mit mir herumgeschleppt, Tag für Tag wieder neu mit mir (und anderen, aber nie mit den betreffenden Personen) ausdiskutiert und so meinen Bauchschmerzen immer wieder neue Nahrung gegeben.

Doch das wird sich jetzt ändern: Ich verlasse die Überholspur, parke meinen Wagen am Straßenrand, steige aus und atme tief ein – spüre, wie die Frühlingsluft in meine Lungen strömt, wie die Spannung ganz langsam von mir abfällt und die Kraft anfängt zurück zu kehren.

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